Artikel
12 Kommentare

Die Idee der 100 Dinge

100 Dinge, nicht mehr.

Einige sagen, sie besitzen nur 100 Dinge. Komplett. Also alles was sie haben. Man staunt und macht „Ah!“ und „Wow!“, doch dann werden die ersten Zählausnahmen erläutert „Socken zähle ich als eine Sache“, „Unterwäsche ist auch ein Ding“ – und dann wohnen diese Menschen in einer voll ausgestatteten WG, können zum Beispiel die Kücheineinrichtung mitbenutzen und – ganz wichtig – sie haben meist keine Kinder (oder Haustiere oder ältere Verwandte, um die sie sich kümmern). Meist sind sie auch nicht schwerkrank, sondern (so pauschalisiere man erfreut) Mitte 20, Student/in, ledig, kinderlos, alle Medien auf dem MacBook und iPhone synchronisiert (was sonst) und haben keine ausrüstungslastigen Hobbies.
Ja, so käme ich auch auf 100 Dinge.

Allerdings führe ich einen gemeinsamen Haushalt mit meinem Freund, besitze eine komplette Küche, Töpfe, Tassen, Pfannen, etwas Tupperzeug, eine Waschmaschine, Zeug fürs Heimwerken (aber halt, ich könnte Nägel, Schrauben und Dübel als ein Ding zählen) etc. Mist. So klappt das nicht. Und ich bin natürlich auch kein echter Minimalist. Verdammt, dabei wollte ich das doch sooo gern sein!

Weil ich’s mir leisten kann – oder doch nicht?

Warum gibt es denn eigentlich gerade so einen Hype um das Zählen von Dingen, das „Weniger besitzen als Du“, Downsizing im Haushalt, das Minimalisieren? Haben denn alle kein Geld mehr, wollen sie sich nicht mehr mit ihren Nachbarn messen, wer das größere Auto und das tollere Haus hat?

Schön wäre es, wenn das krankhafte Vergleichen ein Ende gefunden hätte. Doch so wie ich es sehe, ist der Minimalismusgedanke mancher Zeitgenosse genauso krankhaft wie vorher das Vergleichen „nach oben“. Man kann halt nie so richtig aus seiner Haut.

Dazu eine kleine Fiktion: Nehmen wir mal an, ich habe vorher versucht, Schritt zu halten mit der Familie Müller oder Herrn Schmidt von nebenan. Sie fahren Audi A6, ich fahre VW Polo. Sie haben ein Haus, ich eine Mietwohnung. Ohne Balkon. Sie machen zweimal im Jahr eine Flugreise, ich habe noch nicht mal einen Balkon für Sommer auf Balkonien. Doch dann hörte ich etwas von Minimalismus. Sich darüber zu definieren, dass man wenig(er) hat? Voll mein Ding! Ich meine, da hatte ich den entscheidenden Vorteil: nämlich, dass ich nichts habe. Gegenüber Familie Müller und Herrn Schmidt besser abschneiden – und dann auch noch ein soziales und ökologisches Vorbild sein können (was immer das auch heißt)… perfekt! Und so wurde ich Minimalist.

So ähnlich stelle ich mir die Gedankenwelt eines Menschen vor, der – wie oben pauschal und klischeeorientiert beschrieben – mit seinem MacBook, einem Rucksack voller Designerklamotten und einem Account für ein Carsharing-Unternehmen in einem 8m²-Zimmer in einer WG auf dem blanken Dielenboden sitzt und es nicht verstehen kann, wieso das nicht alle so machen.

Ich hab‘ weniger als du.

Plötzlich gilt es, sich darüber zu definieren, was man nicht hat. Wozu eine eigene Küche, eine eigene Wohnung, einen Kleiderschrank oder ein Bett besitzen? Weshalb ein eigenes Auto, Fahrrad, eigene Schuhe haben? Die Perversion des sich miteinander Vergleichens, wer mehr besitzt, hat sich umgekehrt und scheint ökonomischer zu sein, weil man ja nun weniger Ressourcen benötigt (ob das wirklich so ist, sollte mal dokumentiert werden), doch psychologisch finde ich das Vergleichen „ins Nichts“ nicht viel besser. Das Aufwerten der eigenen Person nicht durch viel Besitz, sondern durch wenigen, bestimmten Besitz ist gleichzeitig das Abwerten anderer Personen, die mehr besitzen, sich nicht von Gerümpel trennen können/wollen oder ein eigenes Auto benötigen.

Ich beschreibe hier nur eine kleine Menge von Menschen, die man als Minimalisten bezeichnen kann – und es sind sicher nicht diejenigen, die im Stillen ihr Gerümpel in der Wohnung ausmisten, sich an ein bisschen mehr Zeit mit ihren Liebsten erfreuen und sich gar nicht darum kümmern, dass sie als „Minimalisten“ bezeichnet werden könnten. Sie tun es einfach, das „einfache, minimalistische“ Leben, von dem viele „Minimalisten“ träumen.

Auch wir profilieren uns auf unserem Blog. Ich profiliere mich mit meinen Beiträgen. Wir philosophieren, wir schreiben, wir misten aus, wir geben Tipps – wir beschäftigen uns leidenschaftlich gern mit dem Thema. Doch wir teilen die Ansicht, dass wir nicht extrem sein wollen – und das sind wir auch nicht. Wir haben bestimmt x Dinge, mit denen wir nicht immer zu 100% zufrieden sind. Doch wir wissen, dass das Vergleichen mit anderen uns nicht zufriedener machen wird.

Veröffentlicht von

Mein Name ist Dori und ich bin mitten in meinen goldenen Zwanzigern ;) Meine Zeit vertreibe ich mir – nach 5 Jahren Studium in Dresden und Merseburg – mit arbeiten und leben in Frankfurt am Main. Ich schreibe und lese sehr, sehr gern und bin seit etwa 3 Jahren dabei, einen minimalistischen Lebensstil zu kultivieren. Was das ganz genau heißt, möchte ich euch in meinen Posts hier auf minimalistenfreun.de gern näher erläutern. Ich beschäftige mich sehr gern mit Design und Sprache, lese gern Blogs zum Thema Architektur und Innendesign/Interieur, außerdem koche ich leidenschaftlich gern – backen ist auch okay ;) Ich liebe es, zu improvisieren und leckere Sachen zu kochen. Am liebsten habe ich dann auch Besuch und bin gern die Gastgeberin einer kunterbunten Runde von lieben Menschen. Eins meiner viel zu wenig ausgeübten Hobbies ist das Nähen – denn Kleidung und Mode ist für mich ein sehr wichtiges Thema, um sich selbst auszudrücken. Ich setze mich gern damit auseinander, meinen Stil zu definieren und ihn mit Kleidung zu verstärken. Dabei möchte ich Wert darauf legen, dass die Sachen, die ich trage, fair produziert wurden und eine hervorragende Qualität haben. In meinen Blog-Posts wird es unter anderem auch um meine Challenge für 2014 gehen, nur Kleidung, Schuhe und Accessoires aus Second Hand und/oder fairer Produktion zu kaufen! :)

12 Kommentare

  1. Liest sich ganz so, als wärst du sowohl auf die fikitive Familie Müller, als auch auf die richtigen Minimalisten neidisch.

    Antworten

  2. Ich pflichte dir bei, immer wieder Wettbewerb..“darf ich mich Minimalist nennen? Ich hab noch Deko im Raum…hmmm“ Nur noch 100 Dinge ( so schoengerechnet wie die Zahlen vom Jobcenter) , bin ich Minimalist auch wenn ich mehr habe? Mit 20 Jahren in einer WG ist das ganz anders als mit fast 50 und eigener Wohnung..ich habeHobbys, Lieblingsstuecke, Zipperlein, brauche dies und jenes, habe Haustiere, will nicht wegen jedem Pflaster zum Nachbarn rennen …aber dennoch kann ich Verhaeltnis zur breiten Masse minimalistisch sein denke ich..

    Antworten

  3. Du vergleichst dich mit Leuten, die sich untereinander vergleichen. Das verteufelst du aber im gleichen Atemzug. Für mich schwingt da große Unzufriedenheit mit.

    Antworten

  4. Toller Beitrag! Das sehe ich ähnlich.
    Mich nerven auch diese extremen Profilierer. Die nerven eigentlich immer…

    Antworten

  5. Hallo Dori, ich würde auch gern mit so wenig auskommen, dann blieben mir aber solche Freuden wie Kochen und Klettern verwehrt. Keine Option also. ;)

    Minimalismus ist, was du draus machst. Ziel ist es doch, dein Leben einfacher zu machen, nicht komplizierter. So lange es diesem Zweck dient, ist doch alles fein.

    Liebe Grüße,
    Philipp

    Antworten

    • Hallo Philipp,

      das hast du gut zusammen gefasst! Im Grunde ist es menschlich, Vergleiche anzustellen. Wichtig ist nur, was dann mit dem Ergebnis des Vergleichs passiert: zieht es einen runter oder zeigt es einem, wo man sich verbessern kann UND will? Und handelt man dann entsprechend?

      Kochen ist mir übrigens auch sehr wichtig ;) Man braucht zwar keine 1000 Helferlein, aber ich möchte meine Küche nicht mehr hergeben :)

      Liebe Grüße
      Dori

      Antworten

  6. Das Problem mit dem „Wettbewerb nach unten“ liegt einfach darin, dass es nicht weniger materialistisch ist als der Vergleich mit den „Müllers“ von nebenan, die mehr haben als man selbst: Der Fokus bleibt weiterhin auf dem Materiellen. Für mich persönlich bedeutet Minimalismus aber, genau von diesem Fokus auf das Materielle wegzukommen. Dinge nicht zu verteufeln, nicht zu zählen, sondern das für sich richtige Maß zu finden und damit zufrieden zu sein, ohne sich 24/7 mit den materiellen Dingen um sich herum beschäftigen zu müssen.

    Minimalismus ist ein großes Wort mit vielen Facetten und noch mehr Definitionen. Für mich bedeutet es vor allem, den Blick auf das (für einen persönlich) Wesentliche zu richten; auf das, was einem Freude bereitet, was das Leben für einen lebenswert macht. Wer meint, dass man mit mehr als 100 Dingen oder einem ausrüstungsintensiven Hobby kein Minimalist sein kann, bei dem ist dieser Aspekt des Minimalismus offensichtlich noch nicht angekommen.

    Antworten

  7. wie überall liegt die wahrheit wohl irgendwo in der mitte.
    als familie ist extremminimalismus garnicht möglich.
    jeder muss seinen minimalismus selbst definieren, es gibt keine minimalismusschablone für alle. unser minimalismus besteht darin das wir nur je 80h im monat arbeiten, ich kaufe kaum konsumartikel (nicht mal mp3s ausm netz) leider verfällt meine frau ab und an der konsumverführung ;-) trotzdem ein auto haben und mal in die berge zum urlaub fahren.
    ansonsten geniessen wir viel freizeit in familie.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.