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Ein Geständnis

Bei der Lektüre des aktuellen „enorm“-Magazins wurde es mir final klar – Minimalismus ist nicht das, was meiner Persönlichkeit entspricht. Ein Geständnis.

Ich konsumiere immer noch gerne. Und ich konsumiere viel. Ich kaufe mir Zeitschriften, obwohl das eine relativ sinnlose Ressourcenverschwendung ist, es ebenjene auch als Tablet-Version geben würde, und knapp 9 € auch echt viel Geld sind.

Ich kaufe mir ein neues Paar Schuhe, einfach, weil ich sie wunderhübsch finde. Sie sind schwarz, sie sind aus Wildleder – wie 50% der anderen Schuhe in meinem nicht zu kleinen Schuhschrank. Brauche ich sie? Natürlich nicht.

Ich kaufe mir auch hin und wieder ein Buch. Ganz spontan, im Buchladen, obwohl mich der Neupreis ein wenig schmerzt und ich es sicher auch gebraucht erwerben könnte. Büchereien sind außerdem auch eine Option, aber oft haben sie Neuerscheinungen (noch) nicht, und ich bin sehr ungeduldig. Und möchte das Buch außerdem besitzen. Ein neues Buch hat für mich einen anderen Stellenwert als ein bereits gebrauchtes. Deswegen habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich schreibe immerhin auf einem Minimalistenblog, bin aktiv in einem Minimalistenforum, fühle mich also ein wenig in der Vorbildrolle und glaube außerdem an Integrität – ich möchte nichts schreiben, wohinter ich nicht voll und ganz stehe.

Aber ich habe mich geändert, seit Beginn der Auseinandersetzung mit dem Minimalismus und auch seit Führen dieses Blogs. Ich möchte, alles in allem, nicht zuviele Dinge mein Eigen nennen, denn obwohl ich mein Herz durchaus an Materielles hängen kann, weiß ich für mich ganz stark: zuviel davon belastet. Aktuell ist mein Kleiderschrank zu voll. Diese Auswahl macht mich nicht glücklich, sie belastet mich. Aktuell habe ich zuviele ungelesene Magazine hier herumliegen – das macht mich nicht glücklich, es belastet mich. Ich habe das Gefühl, den Artikeln nicht die Aufmerksamkeit widmen zu können, die sie verdienen. Und während ich das tippe, wird mir gerade klar – genau dieses Gefühl bringe ich allem entgegen, was derzeit „zuviel“ für mich ist. Das wiederum heißt, ich schätze Gegenstände viel mehr als zu meinen früheren maßlosen Shoppingexzessen. Das ist toll! Auch wenn es sich im Moment unangenehm anfühlt.

Ich möchte mich vielleicht nicht als Minimalistin bezeichnen, aber als Menschen, der weiß, dass Konsum eine Stimme ist, die direkt mit der Wirtschaft spricht. Und es gibt so vieles, dass ich nicht unterstützen möchte. Der Großteil der Wirtschaft ist widerlich, und seit geraumer Zeit lese ich gerne Fachbücher über postökonomische Ansätze und die Frage des „wieviel ist genug“.
In der FH belegte ich vorletztes Semester ein Existenzgründer-Seminar mit Planspiel (bei dem meine Gruppe übrigens als die wirtschaftlich schlechteste, völlig verkalkulierte abschloss, wir aber aufgrund unseres nachhaltigen und durchdachten Konzepts trotzdem mit einer 1,3 belohnt wurden!), welches mich unglaublich angeregt hat. Durch das Seminar wurde ich aufmerksam auf die soziale Unternehmerin Sina Trinkwalder (hier kurz vorgestellt) und darauf, dass es lebbare Alternativen gibt.
Vor einigen Wochen empfahl der Blog „Green Friday“ das enorm Magazin, welches sich ausschließlich mit nachhaltiger Wirtschaft beschäftigt und ich bin begeistert aufgrund der tollen Projekte, die dort vorgestellt werden. Gerade habe ich die aktuelle Ausgabe gelesen und genau die gab den Anstoß für diesen Post hier – nämlich die Erkenntnis: ich MÖCHTE konsumieren. Ich WILL Projekte unterstützen, mit Arbeitskraft, mit Geld. In der aktuellen Ausgabe drehte es sich nämlich um Menschen, die in der „normalen“ Wirtschaft eine hohe Position hatten, dann gemerkt haben: hoppla, was ich tue, ist ja eigentlich ziemlich sinnlos/menschenverachtend/umweltschädigend/rein gewinnorientiert/entspricht mir und meinen Werten nicht. Und die dann umgesattelt haben und zum Großteil für NGOs arbeiten, und genau das möchte ich auch. Klar, ich will von meinem Gehalt (gut) leben können, aber ich will meine Seele nicht verkaufen, auch kein kleines Stück davon.

Nachhaltiger Lesestoff – das enorm Magazin und „Fairarscht“ von Sina Trinkwalder

Es gibt vieles, dass ich auch jetzt schon machen könnte – in Augsburg macht bald der erste Unverpackt-Laden auf, da könnte man sicher seine Hilfe anbieten. Ich könnte mein Konto zu einer grünen Bank verlagern. Ich könnte versuchen, mich für Komplementärgeld in meinem Umkreis stark zu machen. Das ist übrigens keine sozialromantische Erfindung, sondern wird auch in mindestens einem großen Müncher Unternehmen und seinem Umkreis eingesetzt. Ich könnte den neuen Schreibtisch, nach dessen Modell ich im Netz seit Wochen suche, statt ihn zu kaufen, einfach mal wieder selbst handwerklich aktiv werden und ihn im Werkraum zusammenschustern…

Ich gestehe hiermit also. – Liebe Leser, was sagt ihr dazu?

 

10 Kommentare

  1. Meine Freundin sucht auch nach einem Job mit Sinn nach Ihrem Masterstudium. Das ist genau so schwer wie es sich anhört. Gerade kleinere NGOs sind da das einzige das moralisch vertretbar bleibt.
    Aber wo anfangen? Wie finden?
    Wenn du hierzu Tips hast, würde ich mich freuen. Vielleicht gibt es ja ein Forum/Repository mit Stellen für Jobs in nachhaltigen Unternehmen und Projekten? #startup-idee

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    • Ja, das verstehe ich absolut!
      Also, wenn sie das enorm Magazing noch nicht kennt, kann ich da gerade die aktuelle Ausgabe wirklich sehr empfehlen, da finden etliche Firmen Erwähnung und werden vorgestellt. Ein paar Stellenanzeigen sind auch drin, auf deren Webauftritt auch. Ansonsten regional die Augen offen halten und auch Google spuckt zu „jobbörse nachhaltig“ einiges aus! Ich hab mich noch nicht richtig schlau gemacht, da ich im Moment noch im Studium stecke…

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  2. Sehe ich ganz genauso. Icvh habe es selber eine Weile mit dem „richtigen“ Minimalismus ausprobiert, aber ich merkte nach einer Zeit einfach, dass ich es nicht mit meiner Persönlichkeit vereinbaren kann und es mich auf Dauer einfach unglücklich machen würde. Ich möchte mir einfach auch mal spontan etwas kaufen können, ohne dass sich gleich das schlechte Gewissen regt oder nach bestimmten regeln ich dafür ein anderes Teil weggeben müsste. Ich möchte Bücher auch eben besitzen und nicht nur leihen. Außerdem geht mir die Einstellung mancher Minimalisten, was ich in manchen Foren auf facebook mitgekriegt habe, tierisch auf die Nerven. Manche halten sich durch den gelebten Minimalismus für was besseres als andere und tun so, als ob das für wirklich jeden Menschen auf der Welt genau das richtige ist. Und wer das nicht so sieht, der ist noch zu kontrolliert von der Werbung, vom Konsum, von was auch immer. Das ist eine Einstellung, die ich wirklich verabscheue. Denn für viele Menschen ist das einfach nicht die richtige Lebensweise. Ich habe mich persönlich vom Minimalismus verabschiedet. Aber was ich behalten werde, ist manche Dinge eher zu hinterfragen und nicht sinnlos einfach Sachen kaufen, nur um des Kaufens willen. Aber wenn ich etwas einfach haben möchte, weil es mir gefällt, dann kaufe ich es mir.

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    • Da es ja keine klare Minimalisten-Definiton gibt, denke ich, jeder, der sich für diese Art zu leben entscheidet, definiert das selbst, aber ich weiß genau, was du meinst.
      Wir alle hier vom Blog haben auch die ein oder andere FB-Gruppe ausprobiert, aber da geht es teilweise in Richtungen, die lehne ich wirklich ab. („Ist Leben ohne Klopapier möglich?“) Schlimm finde ich auch, wie du schon schreibst, dass es eine Art Wettbewerb ist, wer denn besser wäre.
      Mei, jeder wie er mag, aber für mich war das wirklich nix, inzwischen sind wir dort auch nicht mehr aktiv.

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  3. Den „Trend“ zu sagen, dass man ja gar kein richtiger Minimalist ist, habe ich schon auf mehreren Minimalismusblogs entdeckt.
    Ich finde das überhaupt nicht schlimm, jeder hat ja seinen eigenen Vorstellungen.
    Wie auch hier kann man allerdings leider immer wieder in den Kommentaren lesen, wie sich über „richtige“ Minimalisten lustig gemacht wird. Das finde ich verletzend und schade. Wir sollten lieber an einem Strang ziehen, anstatt uns gegenseitig herunterzumachen.

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    • Oh, kannst du die vielleicht verlinken? Das würde mich ja sehr interessieren :)
      Ich hab eigentlich nicht gelesen, dass sich hier jemand lustig macht, Kritik darf man ja immer äußern und dass es auf einigen Plattformen in einen Wettbewerb ausgeartet ist, ist auch wirklich eine Tatsache. Aber natürlich hast du Recht und ich bin auch ganz erleichtert, dass hier noch kein Gegendwind kam :)

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  4. Mal so ganz salopp gesagt – besser ein halber Minimalist als gar keiner.
    Und ich finde; manchmal gibt es tatsächlich wichtigeres, als das starr durchzuziehen, vor allem, wenn man sich dabei unwohl fühlt oder es in der Summe Nachteile für, hmnajawiesollichsagen „die Entwicklung einer zukünftig besseren Welt hat“?

    Mir ist zB. aufgefallen, dass ich in Phasen, in denen ich mich weiterentwickelt habe, meistens auch viel angesammelt habe; Literatur, Kleidung, Gerätschaften, Informationen, Musik, Bekanntschaften – je nachdem. Und am Ende das Überflüssige wieder aussortiert. Was überflüssig werden würde, wusste ich am Anfang natürlich noch nicht. Hätte ich mich in diesen Zeiten strikt minimalistisch verhalten, hätte das höchstwahrscheinlich zum Stillstand geführt.

    Ich denke, der „totale Minimalismus“ ist ein Ziel, das nur wenige erreichen; aber je mehr es zumindest anpeilen, desto besser.

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    • Stimmt, da hast du Recht!
      Mir geht es auch so – interessiere ich mich für etwas neues, sei es ein Hobby oder Thema, schaffe ich immer einiges an Material an. In letzter Zeit war das zB eine Grundausstattung, um selbst Naturkosmetik herzustellen, inkl. Fach- und Ingridienzenbüchern, einige neue Perlen zum Schmuckbasteln (das mach ich aber schon seit Jahren immer mal wieder) und in den letzten Jahren vermehrt Bücher über die Wirtschaft.
      Ein interessanter Gedanke, dass sonst Stillstand entsteht. Hat der Minimalist an sich nur minimalistische Beschäftigungen? Muss ich mal drüber nachdenken :)

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  5. Liebe Kati,
    ich kann das alles ganz genau nachvollziehen – die gleiche Wandlung ging nämlich auch in meinem Kopf vor und ich hatte auch erst ein schlechtes Gewissen! Du bist also nicht allein :)

    Viele Grüße
    Leni

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